Das Forschungs-programm

Das Forschungsprogramm von AIR InSilo konzentriert sich auf die Arbeit mit dem lokalen Kontext. Es dient als Modell und sucht nach neuen Methoden kritischer Arbeit mit dem Konzept eines „Nicht-Ortes“. Dieses Konzept manifestiert sich hier in Hollabrunn als Beispiel einer typischen europäischen Kleinstadt ohne hervorstechende historische, kulturelle und politische Merkmale. Das „Besondere“ an diesen Orten ist ihre Unsichtbarkeit. Das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben offenbart sich hier nicht explizit. Es kann schwierig und widersprüchlich sein, verborgene Konflikte und Auseinandersetzungen aufzurollen und zu thematisieren, die unter der vertrauten Oberfläche des Alltags verborgen sind. Ziel des Programms ist es, eine Forschungsplattform (sowohl in Form eines realen Ortes, als auch einer digitalen Domäne) zu schaffen, als Modell für Methoden der künstlerischen Forschung, die auch auf andere Gebiete und Orte angewendet werden können. Der künstlerische Forschungsprozess basiert auf Prinzipien des Lokalismus und zielt darauf ab, eine kritische Landkarte („critical map“) zu erstellen, die alle Bereiche – Topographie, Ökologie, wirtschaftliche Aufteilung, Ge/Schichte(n), Interessengruppen, demographische Struktur, kulturelle Einflüsse – berücksichtigt. Dieser Ansatz scheint wichtig zu sein, da die städtische Umwelt nicht repräsentativ für das erschöpfende Verständnis der sozialen Dynamik ist. In den Stadtgebieten gibt es Hauptquartiere, aber repräsentative Outlets tatsächlicher Prozesse sind in merkwürdige „Nicht-Orte“ eingebettet, die als Peripherie bezeichnet werden und in denen der kulturellen und politischen Subjektivität beraubte Individuen Gefahr laufen, in affirmativen, konservativen und populistischen Überlegungen gefangen zu sein. Um das eigene Denken zu dekolonisieren, zielen die künstlerischen Bemühungen darauf ab, das veraltete hierarchische Konzept neu zu kontextualisieren und Vorschläge zu einem dezentralen lokalen kulturellen Knoten zu machen, der in einer horizontalen Ebene gegenüber ähnlichen Einheiten des Netzwerks existiert.

2021-2022
boundaries of sustain-ability von Jennetta Petch und Szymon Kula

Während ihres Aufenthalts wird das Künstlerduo ihre Forschung über die Grenzen der Nachhaltigkeit der künstlerischen Produktion fortsetzen. Petch und Kula entwickeln ein Projekt weiter, das sie im Winter 2020 in Embrun, einem kleinen Ort in den französischen Alpen, gestartet haben. Sie untersuchen, wie man Materialien angesichts des Chaos der Umweltkrise nachhaltig verwenden und verarbeiten könnte, und wie uns diese Materialien helfen können, in einer chaotischen Welt zu existieren und möglicherweise sogar zu wachsen, und wie die Arbeit an den Objekten ein Gefühl für Zeit- und Raumstruktur vermitteln kann.
9.11-20.12.2021
<Biotope- Metamorphic Symbiosis> von Jungeun Lee
Die Künstlerin der ersten Langzeit-Residency des Jahres 2022 ist Jungeun Lee, die an ihrer Installation Biotope-Metamorphic Symbiosis arbeitet, die die Beziehungen zwischen Mikroorganismen und Menschen visualisiert und sonifiziert. In AIR InSILo plant die Künstlerin, verschiedene Wasserquellen im Raum von Hollabrunn - Teiche, Bäche, Feuchtbiotope zu erforschen, aus ihnen Proben zu entnehmen und damit Ökosphären zu bauen, um dann die Bewegung von Mikroorganismen in Klang umzuwandeln und zu verstärken. Bewegungen von Schnecken, die Moos von den Wänden kratzen, Hydras, die mit langen Tentakeln kopfüber an Pflanzen hängen, und Blutegeln, die nach Nahrung jagen, die größer als ihr Körper ist - all das wird mithilfe von Bewegungssensoren erfasst und durch Verstärker übertragen. Das Projekt stellt sich der Herausforderung, dem Ungehörten und Unsichtbaren auf der Welt eine Stimme zu geben. In einer Zeit, in der unser Planet bedroht ist, stellt die Ökosphäre eine letzte Oase dar. Diese Ökosysteme sind wie Zeitkapseln. Sie sind Ressourcen für Spezies, mit denen wir das Leben auf diesem Planeten teilen. Sie enthalten eine enorme Artenvielfalt und werden von zahlreichen Pflanzen- und Tierarten und verschiedenen Gemeinschaften lebender Mikroorganismen bewohnt.
9-31.01.2022
TIST Collective - Artists-in-Residence
05.-13.03.2022
Im März 2022 ist das Kollektiv der beiden Künstler/ Kurator:innen Yulia Tikhomirova und Michele Liparesi – TIST (This Is So Temporary) aus Bologna, Italien, in AIR InSILo zu Gast. TIST manifestiert sich als Notwendigkeit, einen kreativen, offenen und integrativen künstlerischen Prozess außerhalb von traditionellen, institutionellen und (leider!) kapitalistischen Produktionssystemen zu schaffen.
TIST ist von Künstler:innen organisiert und betrieben und befindet sich in einer alten Fabrikshalle in einer Industriezone am Randeder Stadt. TIST bietet Ateliers für junge Künstler:innen, Ausstellungsfläche, gemeinschaftliche Gärten, Werkstätten und eine Freizeitzone. Das Projekt entstand aus dem Unbehagen mit der kontinuierlichen und stetig größer werdenden Konzentration der Kunstproduktion und -distribution in den Händen weniger Institutionen, die sowohl von öffentlichen als auch von privaten Geldern finanziert werden, und wo in der Praxis dieselbe kleine Gruppe von Menschen entscheidet, was zeitgenössische Kunst sein sollte, und jede Möglichkeit ausschließt zwischen Diskurs, Inhalt und Politik von Kunst zu differenzieren.
Wie die Welt funktioniert
04.10.2021
Wie die Welt funktioniert von Maria Safronova Wahlström und Johannes Wahlström beschreibt die rapide sich verändernde Welt, von der wir und unsere Gesellschaft umgeben sind; und das, was im Zusammenhang mit der Pandemie deutlich ans Licht trat. Wie die Welt funktioniert basiert auf den UN-Nachhaltigkeitszielen 2030 und auf Interviews mit Menschen, die in den betroffenen Bereichen tätig sind. Ihre Antworten bilden die Grundlage für eine Reihe grafischer Arbeiten, die auf spielerische Weise Themen beleuchten, die wir allzu oft als zu kompliziert erachten, um sie zu verstehen. Das Projekt zielt darauf ab, die Recherche zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Fragestellungen mit einer einfachen und spielerischen grafischen Form zu verbinden, die sowohl im Kunstkontext als auch in Schulen ausgestellt und verbreitet werden kann.
Aller Unsinn hebt sich auf
09.10.2021
Während seines Aufenthalts in AIR InSILo arbeitet der eingeladene Künstler und Autor Bernhard Kathan an seinem akustischen Stück „Aller Unsinn hebt sich auf“, das während der Tage der offenen Ateliers vom 16.-17. Oktober präsentiert wird. Das Stück ist Daniel Paul Schreber (1842 - 1911) gewidmet, der dank seines Buches „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ als prominentester Fall in der Geschichte der Psychiatrie gilt. Sigmund Freud, C.G. Jung, Elias Canetti, Jacques Lacan, Gilles Deleuze, Félix Guattari und andere beschäftigten sich mit seiner bizarren Bildsprache.
Üblicherweise denkt man, Ärzte seien darum bemüht, die Kranken zu verstehen. Kathan enthüllt jedoch, dass uns Schrebers Geschichte etwas anderes lehrt: Tatsächlich sind die Kranken angehalten, die behandelnden Ärzte zu verstehen. Und so produzierte denn auch Schreber die von ihm erwarteten Zeichen.
Kathan rekontextualisiert Schrebers Denkwürdigkeiten und enthüllt mit Hilfe von Klang und Grafik Bedeutungen im Chaotischen. Indem er sich weigert, Schreber als „Fall“ anzusehen, weist er darauf hin, dass der Patient, um seinen Ärzten dienlich zu sein, absichtlich alle Anzeichen hervorgebracht hat, die von ihm erwartet wurden.
Scoby Spin Cycle

Die erste Künstlerin des OPEN CALLS von AIR InSILo ist Mary Maggic. Sie arbeitet in der letzten Oktoberwoche am SCOBY SPIN CYCLE. Es ist dies eine post-anthropozentrische performative Kunstinstallation und ein absurdes Maschinenobjekt, das die industrielle Produktion von SCOBY (eine symbiotische Kultur von Bakterien und Hefen) in einem Kombucha-Bioreaktor optimiert. Dieser wird durch die körperliche und anstrengende Arbeit eines menschlichen Subjekts an einem Fitnessgerät in permanenter Rotation gehalten wird. Das Projekt reflektiert die Rolle der Technologie in menschlichen und nicht-menschlichen Beziehungen in der Gewinnung und Ausbeutung von Ressourcen, sowie die menschlichen Wünsche nach Fitness und Körperoptimierung. Können feministische Praktiken von Fürsorge und Wahlverwandtschaft die notwendige Intimität in Beziehungen zwischen verschiedenen Species, die historisch gesehen durch den Kapitalismus voneinander entfremdet wurden, wieder herstellen?
23-31.10.2021