Mosaik am Apparat:
Ich fühle mich tot, bitte belebe mich

19.09.2023
Von den beiden Workshops und kollektiven Interventionen zu den rassistischen Bildern des Mosaik-Wandbildes im Bremer Hauptbahnhof ausgehend, die unter dem Titel "Beyond Undoing a Rediscovery" stattfanden, verwandelte Aria Farajnezhad mit Unterstützung von AIR InSILo fünf der rekonfigurierten Mosaikteile des Bildes in ihr ursprüngliches Material zurück, nämlich Keramik. Diese fünf Keramikfliesen, die in Zusammenarbeit mit Eghbal Joudi und mit Unterstützung von Ute Alexandra Fischer (der Leiterin der Keramikwerkstatt an der Hochschule für Künste Bremen) und Gaurav Talekar entstanden sind, nimmt er mit nach Hollabrunn.
Farajnezhad nutzt die Zeit der Residency, um einen Workshop und eine Performance rund um diese Keramiken zu entwickeln und sie in den öffentlichen Raum der Stadt zu tragen, wo er sich mit lokalen Künstler:innen/ Aktivist:innen/ Schauspieler:innen trifft, um über Arbeitsbedingungen, Formen der Produktion von Arbeiten mit minderwertigem Material und Rezepte für Kollektivität zu sprechen.
Er bietet den Gesprächspartner:innen an, die Keramikstücke, die er mitbringt, während des Gesprächs in Hollabrunn und Wien, zu tragen bzw. auszuleihen.
Die folgenden Gesprächspartner:innen haben ihre Teilnahme bestätigt: Gleb Amankulov, Mika Maruyama, Nour Shantout, Alexandra Tatar und Rojda Tugrul.
Die Workshops, in denen das Bild des Schiffes als Teil des Wandbildes neu konfiguriert wurde, wurden von Farajnezhad im Mai 2023 abgehalten und fanden zum Teil im Rahmen der Kollektivausstellung Lacuna Inside a Dumpling im Weserbug Museum in Bremen und im Projektraum Circa106 im Rahmen des Residenzprogramms Common_S Knowledge_S statt. Die Teilnehmer:innen dieser beiden Workshops setzten sich gemeinsam mit dem Bild des dargestellten Schiffes auseinander und über/schrieben es mit Sätzen wie dem, der dem Projekt den Titel gab, mit Markern auf Papier.
Die fünf Stücke, die sich solcherart von Papier in Keramik transformiert haben, werden mitgenommen, um zum "Gemeinsamen" zu werden, über die Arbeitsbedingungen im Prekariat zu sprechen, einen interlokalen Dialog zwischen Kulturschaffenden zu initiieren, die täglich mit Budgetkürzungen, der Unsicherheit, keinen Vertrag als Freiberufler zu haben, Gatekeeping und anderen Unannehmlichkeiten konfrontiert sind.
In dem Text Why did I Linger Upon the Vessle the Longest, der als Zine unter dem Titel Letters, meaning veröffentlicht wurde, schreibt Aria Farajnezhad:
Die Darstellung des Schiffes hat etwas Faszinierendes, das neben der Überrepräsentation des Europäers, die in der Überrepräsentation der Technologie verschlüsselt ist, die zur Unterwerfung, zur Enteignung, zur Zwangsarbeit, zum Mord ... benutzt wurde, verstörend ist. Ich sehe in dem Bild die Verherrlichung des transatlantischen Tabakhandels und das Lob der Fähigkeit der Marinetechnologie, hinauszureichen, in Besitz zu nehmen und sich Vorteile zu verschaffen; und ich komme nicht umhin, an den transatlantischen Sklavenhandel zu denken, an europäisches Kapital, afrikanische Arbeitskräfte und amerikanisches Land zur Versorgung des europäischen Marktes zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert.

Und weiter:
Warum wurde das Wandmosaik noch nicht abgerissen? Im Jahr 2002 gab es einen Renovierung, bei dem die Mosaikwand unter einem Werbesujets eines Raumfahrers und Raketenstarts entdeckt wurde. Der Mensch1/2 ist immer noch am Werk, die transatlantischen Expeditionen im 14. und 16. Jahrhundert haben sich in den Maßstab der außerirdischen Expeditionen zu einem anderen Planeten verschoben. Ich verweile gern bei diesem Moment, in dem die Stadt beschließt, das Bild öffentlich zu erhalten und es so in den Alltag von fast 150.000 Menschen, die täglich am Hauptbahnhof vorbeikommen, einfließen zu lassen.
Die Begriffe "Mensch1" und "Mensch2" sind Konzepte, die Aria Farajnezhad von Sylvia Wynter ableitet. Der säkularisierende homo politicus und der liberale homo oeconomicus, den Sylvia Wynter auf die "Entdeckung Amerikas" durch Kolumbus zurückführt, sind gattungsspezifische Vorstellungen vom Menschen als Mensch, die sowohl ein Anderssein ausschließen als auch den Anderen als kategorisch minderwertig gegenüber dem europäischen Menschen der Post-Renaissance und dem post-darwinistischen Menschen darstellen und die Rollenzuweisung von überlegen/ unterlegen aufrechterhalten. Wie kann man epistemischen Ungehorsam praktizieren? Eine Form der Wissensproduktion, die nicht von oben, sondern von unten kommt? Wie kann man Werkzeuge erfinden, um sich auf diskursiver Ebene eine Stimme und Handlungsfähigkeit zu verschaffen, aber auch Werkzeuge, die uns helfen könnten, die "öffentliche" Infrastruktur zu verhandeln und gegebenenfalls zurückzufordern und sie in das zu verwandeln, was sie sein soll, nämlich einen wirklich öffentlichen Raum, der den Menschen unterschiedslos zur Verfügung steht, um ihn zu gestalten, neu zu konfigurieren, zu kontextualisieren, gegebenenfalls zu dekonstruieren, abzuschaffen und neu zu artikulieren. Diese Fragen sind mit der Frage des öffentlichen Raums verwoben, die sich auf die Bilder bezieht, die er jeden Tag reproduziert, durch die in ihm vorhandenen Kunstwerke, Denkmäler und Werbung, aber auch auf die Zugänglichkeit, einschließlich physischer Hindernisse, aber auch symbolischer Gewalt, die in der feindlichen Architektur, den gesperrten und gesicherten Bereichen usw. eingebettet ist.
Das Projekt bringt diese Fragen und die Methodik nach Hollabrunn und buchstäblich auch die Keramiken mit, um weitere Gespräche mit den lokalen Akteuren in Österreich auszulösen.

Abbildung: © Gaurav Talekar